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Debatte um Reduktion der Stromnetzbetreiber spaltet Politik und Energiebranche

Darstellung eines symbolhaften Energieflusses in der Gemeinde Gries am Brenner

Darstellung eines symbolhaften Energieflusses in der Gemeinde Gries am Brenner. © E-Werk Gries am Brenner

Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) hat eine deutliche Reduktion der derzeit mehr als 110 Stromnetzbetreiber in Österreich ins Spiel gebracht. Vor allem die Vielzahl öffentlicher Netzgesellschaften sei ineffizient und kostenintensiv. Durch Fusionen – insbesondere im öffentlichen Bereich – könnten laut Stocker Strukturen verschlankt, Netzgebühren gesenkt und damit Haushalte sowie die Inflation entlastet werden. Ergänzend soll ein staatlicher Fonds den Netzausbau über günstigere Finanzierungen erleichtern. Auch die Regulierungsbehörde E-Control sieht grundsätzlich Effizienzpotenziale durch strukturelle Bereinigungen, sofern niedrigere Kosten tatsächlich in den Tarifen ankommen.

Aus der Energiebranche kommt jedoch deutlicher Widerspruch. Die Vereinigung Österreichischer Elektrizitätswerke (VÖEW) warnt vor weitreichenden negativen Folgen für rund eine Million Kundinnen und Kunden, vor allem im ländlichen Raum. Regionale Netzbetreiber seien nicht nur für Strom, sondern oft auch für Wasser, Abwasser, Straßenbeleuchtung oder Glasfaser zuständig. Diese gewachsenen Synergien würden durch Zentralisierung zerstört. Zudem bestehe bereits heute eine enge Zusammenarbeit der Netzbetreiber, etwa bei IT-Systemen, Beschaffung oder Netzausbau. Fusionen würden zunächst hohe Umstellungs- und Standardisierungskosten verursachen und könnten die Netzentgelte sogar erhöhen. Auch der geplante Fonds wirft aus Sicht der VÖEW offene Fragen zu Finanzierung, Rückzahlung und zusätzlichem Verwaltungsaufwand auf.

Ähnliche Bedenken äußern Tirols kommunale Netzbetreiber. Eine Zusammenlegung zu einer einzigen Landesgesellschaft würde laut ihren Analysen keine Kostensenkung bringen, sondern Gemeinden dauerhaft Einnahmen entziehen und regionale Wertschöpfung schwächen. Die heute effizienten, bürgernahen Strukturen hätten sich insbesondere beim raschen Ausbau von Photovoltaik und E-Mobilität bewährt. Zusätzlich warnen die Tiroler Betreiber vor steigenden Netzentgelten, da Übernahmekosten in die Tarifkalkulation einfließen würden – obwohl Tirol derzeit zu den Bundesländern mit den niedrigsten Netzgebühren zählt.

Besonders hervorzuheben ist ein Aspekt, der in der Fusionsdebatte bisher kaum Beachtung findet: einzelne Netzbetreiber verfügen über kritische Sicherheitskompetenzen. So hat das Elektrizitätswerk der Gemeinde Gries am Brenner massiv in Inselbetriebs- und Schwarzstartfähigkeit investiert. Selbst bei einem flächendeckenden Blackout kann das Unternehmen eigenständig Wasserkraftwerke hochfahren und das lokale Netz wieder aufbauen – eine Fähigkeit, die nur sehr wenige Netzbetreiber beherrschen. Kritiker warnen, dass solche spezialisierten Kompetenzen bei großflächigen Zusammenlegungen verloren gehen oder geschwächt werden könnten.

Die Diskussion zeigt: Zwischen Effizienzversprechen und regionaler Versorgungssicherheit liegen grundlegende Zielkonflikte, die vor weitreichenden Strukturentscheidungen sorgfältig abgewogen werden müssen.

Ein Diagramm des Arbeitspreis Netzentgelt nicht gemessene Leistung in Tirol

Das obige Diagramm zeigt die Entwicklung des Netzentgelts Arbeitspreis in der Netzebene 7.2 in Tirol (nicht gemessene Leistung) im Zeitraum von 2003 bis 2025. Die schwarze Linie stellt das tatsächlich verrechnete Netzentgelt Arbeitspreis dar, während die rote Linie das Netzentgelt Arbeitspreis ausgehend vom Jahr 2003, indexiert mit dem Verbraucherpreisindex (VPI 2000), abbildet. Der Vergleich beider Linien verdeutlicht, dass die Netzentgelte zwischen 2003 und 2023 nominal weitgehend stagnierten und inflationsbereinigt somit real gesunken sind. Die Netznutzung wurde in diesem Zeitraum trotz allgemeiner Preissteigerungen nicht teurer, sondern faktisch günstiger. Erst ab dem Jahr 2023 ist ein Anstieg der Netzentgelte zu beobachten. Dieser steht im Zusammenhang mit dem massiven Ausbau der Photovoltaik und der damit verbundenen Notwendigkeit umfangreicher Netzinvestitionen, die teilweise über höhere Netzentgelte finanziert werden.

  • Autor: Christoph Aigner
  • Quelle: E-Werk Gries am Brenner

18.12.2025