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Energiegemeinschaften und das Solidaritätsdilemma der Netzkosten im neuen ElWG

Postwurf der Energiegemeinschaft dieeeg.at

Screenshot eines Postwurfs der Energiegemeinschaft DieEEG.at

Das Geschäftsmodell von Energiegemeinschaften wie „DieEEG.at“ im Kurzporträt

Die Plattform dieEEG.at agiert als digitaler Vermittler und Organisator für Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften (EEGs). Sie wirbt offensiv mit einfachen Beitrittsprozessen („Kein Vertrag, keine Gebühren, keine Laufzeit“) und fixen, auf den ersten Blick attraktiven Tarifen (z. B. Verbrauch für 7,39 Cent/kWh netto; Einspeisung für 9,25 Cent/kWh). 

 Das Versprechen an die Endverbraucher lautet: Geld sparen und gleichzeitig regionalen Ökostrom fördern, ohne den bisherigen Stromanbieter kündigen zu müssen.


Die Auslassung: Woher kommt die Ersparnis wirklich?

Die Kritik trifft hier den exakten blinden Fleck der Plattformkommunikation:

  • Was DieEEG.at kommuniziert: Es wird transportiert, dass der Preisvorteil primär durch das geschickte, gemeinschaftliche Teilen von lokal produziertem Strom entsteht.

  • Was verschwiegen wird: Der maßgebliche wirtschaftliche Hebel einer jeden regionalen oder lokalen EEG ist nicht zwingend ein radikal günstigerer Energiepreis, sondern die gesetzlich verordnete Reduktion der Netzentgelte sowie der Entfall des Erneuerbaren-Förderbeitrags und der Elektrizitätsabgabe. Wer Strom vom PV-Dach des Nachbarn über dieselbe Ortsnetzstation bezieht, zahlt – am Beispiel Tirol – bis zu 28 % weniger Netzentgelt Arbeit.

 Indem DieEEG.at diesen staatlich erzwungenen Rabatt im Marketing als reinen „Systemeffekt“ tarnt, entzieht sie sich der Debatte über die Herkunft dieser Subvention. 

 

Die Systematik der Netzentgelte und die E-Control

Netzbetreiber arbeiten in einem regulierten Monopol. Die E-Control (Regulierungsbehörde) ermittelt jährlich die volkswirtschaftlich anerkannten Kosten für den Erhalt, den Ausbau und den Betrieb der Stromnetze. Diese Gesamtkosten werden mathematisch auf die verbrauchten Kilowattstunden (und die bereitgestellte Leistung) aller Netzkunden umgelegt. 

Das führt exakt zu dem physikalisch-ökonomischen Dilemma, dass das Netzentgelt pro kWh steigt, wenn die anfallenden Gesamtkosten der Infrastruktur auf immer weniger kostenpflichtig bezogene Kilowattstunden aus dem öffentlichen Netz aufgeteilt werden.

 

Das unsoziale Paradoxon: Die Verteilungswirkung

Wenn nun Plattformen wie DieEEG.at den massenhaften Beitritt zu Energiegemeinschaften forcieren, passiert Folgendes:

  • Einnahmenausfall beim Netz: Ein rasant wachsender Teil des Stroms wird innerhalb der EEGs mit stark reduzierten Netzentgelten transportiert.

  • Die Kosten bleiben gleich (oder steigen): Die physische Infrastruktur (Kabel, Transformatoren, Digitalisierung für Smart Meter) wird durch EEGs nicht billiger – im Gegenteil, der massive PV-Ausbau erfordert milliardenschwere Netzinvestitionen.

  • Die Umwälzung auf den Rest: Da die E-Control den Netzbetreibern ihre Kosten garantieren muss, steigt mathematisch zwingend der Tarif für jene Kilowattstunden, die nicht innerhalb einer Gemeinschaft fließen. 


Wer trägt die Last?

Das System driftet in eine soziale Schieflage ab. Die verbleibenden Systemkosten werden auf jene umgewälzt, die diese Möglichkeiten nicht nutzen.

 

Das neue ElWG: Verschärfung oder Lösung?

Das Ende 2025 beschlossene und in großen Teilen 2026 wirksame Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) verschärft diese Dynamik potenziell, versucht aber an anderer Stelle gegenzusteuern:

  • Ausweitung des Prinzips: Das ElWG führt das Konzept der „Gemeinsamen Energienutzung“ (Bürgerenergie) ein. Ab Oktober 2026 wird das Teilen von Strom nochmals flexibilisiert (z. B. durch Peer-to-Peer-Verträge ohne Vereinsgründung). Dadurch wird der Druck auf das klassische Netzentgeltsystem nochmals massiv steigen, da die Hürden zur Netzentgelt-Optimierung sinken.

  • Die Gegenmaßnahme (SNAP): Um das Netz fair zu belasten, führt das ElWG neue Netztarifstrukturen wie den Sommer-Nieder-Arbeitspreis (SNAP) ein. Wer im Sommer tagsüber Strom verbraucht, zahlt weniger Netzentgelt. Dies soll das System generell dynamischer machen, löst aber das grundsätzliche Problem der schrumpfenden Anzahl von Netzkosten zahlenden Personen durch EEGs nicht vollends auf.

  • Soziale Abfederung: Das Gesetz versucht die soziale Härte im Gesamtgefüge durch die Verankerung von klar definierten Sozialtarifen für vulnerable Haushalte abzufedern.


Fazit

Plattformen wie DieEEG.at bieten eine technische Abwicklung für die Energiewende von unten. Kritisch anzumerken bleibt jedoch, dass ihr Geschäftsmodell maßgeblich auf einer gesetzlichen Quersubventionierung fußt, die im Marketing verschwiegen wird. 

 

Solange die Netzentgelte in Österreich primär an die bezogene Kilowattstunde gekoppelt sind, führt die unreflektierte Flucht in EEGs zu einer unsozialen Umverteilung der Netzinfrastrukturkosten von den Wohlhabenden und Flexiblen hin zu den einkommensschwächeren Non-Teilnehmern. Das neue ElWG schafft zwar modernere Regeln, lässt die Kernfrage der langfristig gerechten Netzkostenfinanzierung im Zeitalter der Dezentralisierung jedoch weiterhin offen.

18.09.2026